Hier möchte ich sowohl meine Haltung als auch mein Schreiben selbst thematisieren. Vorsicht Langeweile!

Warum schreibe ich? Wie ich schon erwähnte, gab es bereits mehrer Blogs. Und immer wieder habe ich auch über das Schreiben geschrieben. „Das Schreiben ist mir so eine Art Alltagsverdauungshilfe geworden, mehr als ein Ventil, die Gelegenheit über Dinge, die mir wichtig sind, tiefergehend nachzudenken. Das Schreiben ist dabei der Anlass.“ Dies schrieb ich 2013.
„Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“, schrieb Susan Sontag in ihr Tagebuch. „
Typing is this little transaction in the middle of two vast thoughtful processes.“ Das Tippen ist dieser kleine Vorgang inmitten von zwei großen Denkprozessen schrieb Rebecca Solnit auf Literary Hub. Also ist dieses Schreiben umzu denken gar nicht so selten. Ich verliere mich im Text und tatsächlich auch jedes Zeitgefühl beim Schreiben.
Aber irgendwann kamen externe Eindrücke und Einflüsse dazu, wurde „das Gelesenwerden auch wichtig. Und plötzlich war, das, was mir immer auch ein Bedürfnis war, zu einem Druck. Es gab Wochen, da war das Schreiben etwas auf das ich mich freute und ein Stück Freiheit. Momentan fühle ich mich eher als ob ich von meinem Blog getrieben würde. Ich habe Ideen, fahre mich fest und das Schreiben blockiert das Denken.“ Das war auch irgendwann 2013 oder 14.
Damals war ich krankgeschrieben und zuhause. Ganze Tage und häufiger noch Nächte saß ich am Esstisch und schrieb, die Bücher im Rücken und vor mir das Internet. Ich las und schrieb. Ich studierte mehr als während des Studiums, las – kreuz und quer, tief und intensiv. Und weil ich dachte, ich müsse meinen Leser:innen etwas bieten, legte ich mich mächtig ins Zeug. Und solche Texte, die natürlich in der Nacht entstanden, hatten mit Meditation kaum etwas gemeinsam.
Am besten ist das Schreiben aus Interesse und Lust, zum Beispiel über Star Trek. 2013 war die Zeit des NSA-Überwachungsskandals (hat der Anlass eigentlich aufgehört?), Snowdens, der längst vergessenen Debatten zum Datenschutz und der Piratenpartei. Und so waren Datensicherheit und das Internet aber auch die Gefahren der Überwachung wiederkehrende Themen für mich. ChatGPT gab es zwar noch nicht, aber natürlich google, die Bordcomputer der Sternenflotte und natürlich Commander Data. Nach Schlenkern zu Isaac Asimov, den Asimov’schen Gesetzen und Dietmar Daths „Maschinenwinter, Wissen Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift“ kam ich zu folgendem Schluss: „Wenn wir Demokratie für wichtig halten, gehört die Überlegung, was Maschinen selbstständig oder per Knopfdruck tun oder lassen dürfen und sollen, künftig mit zum Entscheidungsbereich dazu. Und wer jetzt sagt, das hätte man auch kürzer haben können, hat Recht, aber ich wollte schon immer etwas über Star Trek schreiben“ 😉
Solnit hat vollkommen recht, zumindest mit dem ersten Teil ihrer Aussage: „Schreiben Sie das, was Sie am liebsten schreiben möchten, nicht Blogs, Posts, Tweets oder all die Wegwerfverpackungen, in die das moderne Leben gekleidet ist.“ Ein Beispiel für die Frechheit der Papierfraktion.
Ich plane meine Texte nicht, ich schreibe und manchmal überrascht mich mein Text, weil mich die Argumente in eine Richtung treiben, die ich nicht erwartet habe. Corinna Wilms (Der Widerstand der Schritte) schreibt recht nachvollziehbar über ihr wissenschaftliches Vorgehen, dieses setze „eine Offenheit dem Prozess des Verstehens voraus. In diesem Sinne ist die vorliegende Arbeit als ein dérive, eine Flânerie auf Papier entstanden.“ Meiner Erfahrung nach widerspricht das Postulat der Orientierung an einer Theses, das eher der anwendungsorientierten Forschung entspricht, dieser Offenheit. Doch genau diese Flânerie auf dem Papier entspricht meinem Schreiben ganz gut.
Laut Wilms konstituiert Benjamins Flâneur „seinen Raum ganz bedeutend durch die Praxis der Erinnerung, welche sich durch das ziellose Gehen einstellt.“ Meine Praxis der Erinnerung sind die vielfältigen Wege der Intertextualität, der Zitate und Verweise. Tatsächlich wünschte ich mir manchmal, dass die Leser:innen den Links auch folgen würden und damit selbst den Inhalt weiterentwickelten. Und doch bilde ich mir ein, dass meine Texte eins gemeinsam haben: die Haltung.
Eine Haltung ist für mich eine bewusste Disposition zu Handlungen oder Unterlassungen. (…) Da Haltungen sich auf Handlungen beziehen und Handlungen in der Wirklichkeit stattfinden, sonst wären sie nur Idee von Handlungen) müssen Haltungen notwendigerweise Haltungen zu etwas Wirklichem sein.
Wer daher Haltungen gestalten will, muss Wirkliches mitgestalten, weil sonst das nicht erkennbar (und damit: nicht gestaltet) ist, wozu die Haltung überhaupt Haltungen sind.
Wer sich so ausführlich zu Haltungen und Handlungen ist Dietmar Darth in seiner Schreiblehre Stehsatz (Dietmar Darth: Stehsatz. Eine Schreiblehre, S.14). Wie ich es verstehe, würde damit aus einer politischen Haltung in der Literatur in der Umsetzung in die Wirklichkeit Politik. Schaut man sich Schriftsteller und Dichter an, die sich sich politisch engagiert haben, etwa die Akteuren der Revolution der Literaten im Verlauf der Münchner Novemberrevolution, ist die Reihenfolge nicht immer gleich. Es stellt sich die gleiche Frage wie bei der Henne und dem Ei. Was war zuerst Handlung oder Haltung. Da Schreiben ebenfalls eine Handlung ist, drückt sich darin Haltung aus und lässt sich auch wiederfinden, dafür muss sie aber bereits vorhanden gewesen sein. Und ich hoffe, meine Haltung ist ebenfalls in allen Texten erkennbar.
Hiermit möchte ich mich nicht mit Darth vergleichen, das wär absurd. Der spielt in jeglicher Hinsicht in einer anderen Liga. Zumal jede Autorin und jeder Autor eine Haltung einnimmt, dies ist also nichts geheimnisvolles oder seltenes und lässt sich sogar nicht vermeiden, nur tut es nicht jede:r mit offenem Visier.
Nun schreibt Darth seit seiner Schulzeit und ist Profi. Neben dem Inhalt und der Haltung ist die Form oder Literaturgattung für seine Texte wesentlich oder anders ausgedrückt die Dreieinigkeit des Textes, „die Triade Stoff-Thema-Form“ (S.21). Ich habe darauf bisher keinen Wert gelegt. Meine Texte bewegen sich zwischen wissenschaftlich und journalistisch, zumindest ist das mein Anspruch. Damit könnten meine Texte als Essays gelten. Eine Form, die inzwischen an den Hochschulen in Ergänzung zu Hausarbeiten verlangt wird.
„(…) kürzere Abhandlung über einen künstlerischen oder wissenschaftlichen Gegenstand, eine aktuelle Frage des geistigen, kulturellen oder sozialen Lebens (…) in leicht zugänglicher, doch künstlerisch wie bildungsmäßig anspruchsvoller, geistreicher und ästhetisch befriedigender Form und anregend lockerem, doch geschliffenem teils (…) ironisch pointiertem oder paradoxem Stil von eleganter Leichtigkeit mit einprägsamen, originellen Formulierungen.“ (Wilpert 2001: 37) Kritische, vertiefte, intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Thema. (Hinweise zum Schreiben eines Essays.)
Einerseits ist das Üben des Schreibens keine schlechte Idee. Aus meiner Perspektive sind Wissen-schaftler:innen aber nicht automatisch in der Lage „in leicht zugänglicher, doch künstlerisch wie bildungsmäßig anspruchsvoller, geistreicher und ästhetisch befriedigender Form“ zu schreiben. Hoffentlich können die Hochschullehrer dies lehren – klitzekleine Zweifel bleiben mir. Geistreich zumindest halte ich für möglich, aber was heißt ästhetisch befiedigende Form? Eleganz und Leichtigkeit mit orgiginellen Formulierungen runden den Text ab. Hilfe, ich wäre gescheitert. Ich höre auf zu schreiben, wäre vermutlich meine Antwort auf diese Aufgabenstellung gewesen und gerne würde ich die Texte lesen, die dem genügen. Wer diese Art zu schreiben (während des Studiums) bereits beherrscht, dem gilt meine aufrichtige Hochachtung. Ich kanns bis heute nicht und mein Zweitstudium ist schon ne Weile her. Eine „Kritische, vertiefte, intellektuelle Auseinandersetzung“ wünscht man sich natürlich und das ist auch mein Ziel, aber was heißt das denn? Ich schreibe diese Kritik, weil ich weiß, dass ich den Ansprüchen selbst nicht genüge, andere mögen besser sein.
Interesting to see you reflecting on your own writing process – it’s a challenge many face. I found some related thoughts on spatial reasoning and problem-solving at https://tinyfun.io/game/3d-tetris which might be relevant to how writing feels sometimes.